Kaiserlich-königliche Weihnachten

Das kaiserlich-königliche Weihnachtsfest

Ein klassischer Heiliger Abend

aus: "Wenn's in Wien weihnachtet", Christine Schäffer, Edition Mokka, ISBN 978-3-902693-63-1


Der 24. Dezember wurde um das 19. Jahrhundert üblicherweise mit Fasten begrüßt. Das große Festmahl erwartete die Familie erst am Abend, wo immer ein großes Gelage stattfand. Oder in den Worten eines Zeitgenossen: Am Abend „geht’s Fressen und Saufen an". Diese Fresserei wurde dadurch gerechtfertigt, dass man ja bis spät in die Nacht wachen musste, um später zur Christmette – die meist um Mitternacht abgehalten wurde – zu gehen. Dort ging es dann munter und spaßig weiter: Um die Leute in die Kirche zu bringen, wurden oft profane Töne angeschlagen. Zum Beispiel wurde die Kirchenmusik mit beliebten Opernstücken aufgelockert! Manche beschwerten sich außerdem, dass die jungen Menschen sich nicht bedächtig und voller Ehrfurcht im Gotteshaus benahmen, sondern begierig umherblickten – auf der Suche nach einer schönen Person und prächtigen Gewändern. Nicht zu vergessen ist obendrein, dass „heidnische" Orakelbräuche vollzogen und profane Kartenspiele gespielt wurden. All das waren furchtbare Freveleien in den Augen einiger Zeitgenossen. Für uns scheinen diese Dinge eher amüsant.

  • Punschlied von Friedrich Schiller

    Vier Elemente, innig gesellt,
    bilden das Leben, bauen die Welt.
    Presst der Zitrone saftigen Stern!
    Herb ist des Lebens innerster Kern.
    Jetzt mit des Zuckers linderndem Saft
    Zähmet die herbe brennende Kraft!
    Gießet des Wassers sprudelnden Schwall!
    Wasser umfänget ruhig das All‘.
    Tropfen des Geistes gießet hinein!
    Leben dem Leben gibt er allein.
    Eh es verdüftet,
    schöpfet es schnell
    Nur wenn er glühet,
    labet der Quell.

     

     

  • Wie hat die kaiserliche Familie die Weihnachtstage gefeiert?

    Wenn hier von Weihnachtstagen die Rede ist, ist nicht nur der Heilige Abend selbst gemeint, sondern zugleich die Feste rund um diesen, zum Beispiel die Adventzeit oder der Dreikönigstag. Natürlich waren die Feste der Kaiserfamilie die strahlendsten in ganz Wien, sie wurden aufwendig und teuer gestaltet. Die Herrscher hatten schließlich das nötige Kleingeld, um ganz besondere Feiern auszurichten.

    In der Weihnachtszeit kamen auch große Teile der Familie zusammen, Onkel, Tanten und Geschwister versammelt sich und zelebrierten die Feiertage. Sogar aus den fernen Kronländern kamen manchmal Verwandte in die Hauptstadt, zum Beispiel von Neapel! Am besten kann man sich wohl die kaiserliche Weihnacht in der Hauptstadt vorstellen, wenn man sie durch authentische Berichte erliest. In folgendem Ausschnitt berichtet ein anonymer Berichterstatter des Hofes vom Dreikönigstag zur Zeit von Kaiser Leopold II, dem Sohn Maria Theresias, der nur von 1790 bis 1792 regierte.  

    „Unser Monarch entzieht sich, wenn er kann, seinen Staatsgeschäften und verschafft sich Erholung in dem Schoße seiner Familie. Am Weihnachtstage brachte er einen großen Kuchen in den Zirkel seiner [sechzehn, Anm. d. A.] Kinder, schnitt ihn auseinander und feierte wie ein guter Vater das sogenannte Fest des Bohnenkönigs. Der Erzherzog Josef bekam die Bohne und wurde Bohnenkönig. Er ernannte also seinen Hofstaat; die Königin von Neapel [seine Tante, Anm. d. A.] machte er zu seiner Königin und den König von Neapel machte er zu seinem Oberjägermeister, endlich kam er an seinen durchlauchten Vater und machte ihn zum Pförtner seines Palastes. Man fragte ihn, warum er unsern guten Leopold nur zum Pförtner machte? Dies habe ich getan, sprach er, weil der Papa unter allen der mächtigste ist, folglich wird er den Eingang zu meinem Hof allen denjenigen, die nicht dahin gehören, am besten verwehren können."
    (Anonym, Das Fest des Bohnenkönigs, aus: Auszug aller europäischen Zeitungen, 12. Februar 1791; Wien 1791)

    Franz Joseph I. im Kreise der Familie am Weihnachtsabend 1881 in der Wiener HofburgAber die Feiertage waren nicht nur eitel Wonne für alle Beteiligten, manche Mitglieder der Herrscherfamilie waren sehr unzufrieden über die sich entwickelnde unmäßige Geldausgeberei der Verwandten. Erzherzog Johann zum Beispiel, der Sohn von Leopold II., beschrieb in seinem Tagebuch, wie er als Erwachsener die Feiertage bei der Familie seines Bruders Carl empfand. Zu dieser Zeit war ihr Vater schon verstorben und ihr Bruder war Kaiser Franz I. Der Erzherzog durfte bereits zuvor als Kritiker des Christbaumes zu Wort kommen. Auch in diesem Ausschnitt klingt seine Unzufriedenheit über die Veränderungen durch, die Henriette von Nassau-Weilburg, die Frau seines Bruders, vorgenommen hat: „Abends ging ich mit Bruder Ludwig zu Bruder Carl. Da es Heiliger Abend ist, so waren alle Kinder vereinigt und was von uns da ist versammelt. Obgleich ich einige Freude hatte, alle die Kleinen, welche die Hoffnung des Hauses ausmachen, zu sehen, so verstimmte mich gleich die große Hitze durch die vielen Lichter. In früherer Zeit, als ich klein war, gab es ein Kripperl, welches beleuchtet war, dabei Zuckerwerk – sonst aber nichts. Nun ist kein Kripperl mehr! Wir sahen einen Graßbaum mit vielem Zuckerwerk und Lichteln und ein ganzes Zimmer voll Spielereien aller Art und wahrlich manches sehr Schönes und Vieles, welches in wenigen Wochen zerschlagen, zertreten, verschleppt sein wird und welches gewiß tausend Gulden gekostet. So war das Bett für die Puppen allein, welches 400 fl. Münze soll gekostet haben."

    Bild: Franz Joseph I. im Kreise der Familie am Weihnachtsabend 1881 in der Wiener Hofburg (Quelle: Bildarchiv Austria)

    Aber die Feste sollten zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch prunkvoller werden als sie hier beschrieben werden. Das geht aus einem Brief einer Hofdame hervor, die das Weihnachtsfest mit der Kaiserfamilie verbringen durfte:

    „Nach der Tafel war Bescherung. Es standen 2 große, schön beleuchtete Tische im Salon [Ihrer königlichen Hoheit, Prinzessin Amalie von Schweden]. Auf dem Einen 2 Girandoles à sept bougies Renaissance Stil, die der Prinz seiner Schwester schenkte und eine in Silber complet eingerichtete Reisecassette pour la toilette, welche K.H. dem Prinzen schenkte. Ich erhielt einen schönen silbernen Brotkorb und 12 Vermeiltheelöffel. Nachdem wir uns an den Herrlichkeiten erfreut hatten, fuhren wir in die Burg, um der Bescherung bei der [Mutter Kaiser Franz Josephs] Erzherzogin Sophie beizuwohnen, die über alle Beschreibung glänzend ist. – Ein großer Baum, der mit hunderten von Lichtern besteckt war und dessen Zweige das schönste Zuckerwerk trugen. Daran reihten sich die mit reichen Gaben besetzten Tische der jungen Erzherzöge, die alles boten, was das Auge erfreuen und den Geist befriedigen kann. Der kl. [Erzherzog] Ludwig blieb natürlich in den Grenzen der Spielereien, diese waren so wunderschön, daß man selbst gern zu Kinde wurde. Die Damen und Herren bekamen Silber und Geschmeide, es war allgemeiner Jubel."
    (Aus einem Hofdamenbrief, Hofdamenbriefe. Zürich 1903)

    Dieser Brief stammt aus 1846. Der Heiterkeit und guten Stimmung in den Palästen muss man allerdings den streng regierenden Hunger gegenüberstellen, der in diesem Jahr und im nächsten herrschte! Durch stark steigende Lebensmittelpreise mussten viele Wiener Familien hungern.

Kaiserlich-königliche Küche

Kaiserin Sisi war eine sehr heikle Esserin, oft nahm sie überhaupt keine Nahrung zu sich. Sie hatte allerdings eine große Schwäche für Süßes und naschte gerne. Ein paar süße Rezepte haben wir hier zum Nachkochen gesammelt. Wie schnell zu erkennen ist, sind die Maße allerdings nicht immer an unsere kg, dag und g angepasst – die Rezepturen sind tatsächlich noch so, wie Sisis Hofzuckerbäcker sie niedergeschrieben und gelesen haben! „dkg“ beispielsweise ist die alte Schreibweise für dag.

Neben „gewöhnlichen" Hofzuckerbäckern gab es übrigens auch k.u.k. Hofzuckerbäcker – sie waren mit diesem Zusatz gegenüber ihren Kollegen genauso hoch ausgezeichnet wie andere k.u.k. Hoflieferanten gegenüber deren Mitbewerbern.

  • Genfer Torte von Hofzuckerbäcker Michael Enyedy

    21 dkg Zucker, 15 Dotter und 12 dkg Zucker flaumig rühren.
    4 dkg Mandeln und 1 ½ dkg bittere Mandeln mit Milch im Mörser reiben und zur Masse dazugeben.
    Von 10 Eiklar den Schnee schlagen und mit 15 dkg Mehl unter die Masse heben. Langsam backen. Mit Kirschwassercreme füllen und rosa glasieren.

     

     

  • Madeleines Ihrer Majestät

    ½ Pfund Butter, 20 Loth Zucker und 8 Dotter schaumig rühren.
    8 Klar Schnee, ¼ Pfund Erdäpfelmehl und ¼ Pfund Weizenmehl unterheben.
    In befettete, bemehlte Model füllen und am Blech langsam backen.

     

     

  • Gugelhupf Ihrer Majestät von Hofzuckerbäcker Seitz

    ½ Pfund Mehl
    ¼ Pfund Butter
    1 ½ Loth Germ
    1 ½ Loth Zucker
    1 ganzes Ei
    5 Dotter

    Alles vermischen und gut abarbeiten. Gehen lassen. In eine befettete, mit Bröseln bestreute Form füllen, nochmals gehen lassen und langsam backen. 

     

     

  • Teebäckerei Ihrer Majestät von Hofzuckerbäcker Franz Benedikter

    42 dkg Mehl, 35 dkg Butter und 14 dkg Zucker auf einem Brett zu einem Teig kneten und ausrollen. Runde Kekse ausstechen und auf Papier kühl backen. Mit Schokoladeglasur aus 25 dkg Schokolade, 20 dkg Zucker und 1 Seidel Wasser bestreichen.

     

     

  • Galette parisienne Ihrer Majestät von k.u.k. Hofzuckerbäcker Anton Rumpelmayer

    310 g Butter mit 500 g Mehl blättrig schneiden. Mit 30 g Salz, 2 ganzen Eiern und Milch zu einem Teig verarbeiten. Mit dem Nudelwalker anmachen, aber nicht abarbeiten. Ruhen lassen. Danach dreimal einfach ausrollen, das dritte Mal den Teig mit Butterstückchen in der Größe von Erbsen besäen, einschlagen und ausfertigen. In der Dicke von 1 cm ausrollen, mit Ei bestreichen und mit den Teigresten verzieren. Langsam backen.

     

     

  • Gansleber-Weckerl von Hofzuckerbäcker Michael Enyedy

    5 dkg Germ mit lauwarmer Milch auflösen. Mit 50 dkg Mehl, 1 dkg Salz, 3 dkg Zucker, 10 dkg Butter und etwas Milch zu einem halbfesten Teig anmachen. Aufs Eis legen und nach einer Stunde in kleine Weckerl ausarbeiten; zweimal mit Ei bestreichen und gehen lassen. Langsam im Rohr backen, auf ein Sieb legen und in den Eiskasten stellen, damit sie gut auskühlen. Dann der Länge nach durchschneiden, mit Butter bestreichen, etwas salzen, mit einer Scheibe Gansleberpastete belegen und zusammensetzen.

     

     

  • Die k.u.k. Hoflieferanten

    Wer zum k.u.k. Hoflieferanten ernannt wurde, war der Marktführer in seiner Branche und lieferte die beste Qualität. Dieser Titel war ein Gütesiegel für die Arbeit des Unternehmens. Wollte man zum k.u.k. Hoflieferanten werden, musste zuerst bereits ein geschäftliches Verhältnis zum Hof bestehen. Dann erst, wenn man einige Jahre für den Hof geliefert hatte, durfte man um den Titel des k.u.k. Hoflieferant ansuchen. Man wurde streng überprüft und falls man bestand, wurde man vom Kaiser persönlich in den Stand eines k.u.k. Hoflieferanten erhoben. Im frühen 19. Jahrhundert war es nicht einmal möglich, den Titel zu erhalten, wenn der Betrieb zu weit vom Hof entfernt war! Ein Vergolder und Staffierer namens Conrad Bühlmayer hat deshalb sogar extra ein Geschäftslokal in der Nähe der Hofburg angemietet, um k.u.k. Hoflieferant werden zu können. Abgesehen von diesen Bedingungen mussten die Firmen auch noch eine Gebühr entrichten – und die war deftig: Zuerst betrug sie „nur" 250 Gulden, später waren es 1.000 Gulden (ungefähr 5.000 Euro!). Der Titel war nie erblich und etwaige Erben mussten wieder darum ansuchen – und natürlich wieder den strengen Auflagen entsprechen.

    Mit der Zeit wurde zumindest eine der Vorgaben gelockert, nämlich die geforderte Nähe zum Hof. Schon in den 1890er Jahren wurden dann Meisterhandwerker in der Türkei mit dem Titel ausgezeichnet, in Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Amerika und sogar in Japan! Die Monarchie erkannte herausragendes Talent an, egal aus welcher Ecke der Welt sie kam. Außerdem war der Posten als k.u.k. Hoflieferant auch nicht nur Männern vorbehalten, sondern konnte auch an Frauen verliehen werden. Und vor allem war diese Anerkennung von Talent nicht nur auf außergewöhnliche Berufe wie Gemäldemacher oder Vergolder begrenzt, sondern war wahrhaftig allumfassend: Seifen- und Kerzenmacher wurden zu k.u.k. Hoflieferanten, genauso Fleischhauer, Essigfabrikanten, Photographen (einer davon Raimund Stillfried von Rathenitz, der einzige Hoflieferant in Japan), Spediteure, Bierexporteure, Milchwarenlieferanten, Optiker, Zwiebackbäcker, Blumenhändler und so weiter!

    Mit einem Diplom ausgezeichnet hatte man von da an das Privileg, das kaiserliche Wappen auf Briefköpfen oder für Firmenwerbung zu benutzen. Sich selbst zu bewerben und mehr oder weniger vermögende Kundschaft anzuziehen, blieb auch als Hoflieferant extrem wichtig, denn die kaiserliche Familie hatte schließlich keine Verpflichtung, hier einzukaufen – versprach ein Konkurrent billigere und bessere Ware, versorgte sich der Hof bei ihm.

    Heute im 21. Jahrhundert ist die Monarchie zwar vergangen, doch die Qualität, Tradition und Exklusivität der ehemaligen k.u.k. Hoflieferanten besteht weiter: Über 100 Firmen existieren heute noch und betreuen anspruchsvolles Klientel, im stolzen Bewusstsein ihrer traditionsreichen Vergangenheit.