Im Wandel der Jahrhunderte

Der Christkindlmarkt im Wandel

Es ist Abend und die weihnachtlich dekorierten Stände des Wiener Christkindlmarkts leuchten hell in der Dunkelheit.    

 

Ich schlendere an Punsch und bunten Kerzen vorbei, bleibe bei Zuckersachen oder kleinen Schneekugeln stehen und vergrabe meine Hände tiefer in den Manteltaschen, um sie vor der Kälte zu schützen. Es beginnt zu schneien und ein paar Schritte lang schließe ich die Augen und genieße die ruhige Atmosphäre. Als ich wieder meinen Blick schweifen lasse, fällt mir ein außergewöhnlicher Stand auf: Ganz altmodisch sieht er aus, mit uralter Beleuchtung. Viel weniger Lebkuchen gibt es hier als auf der anderen Seite des Christkindlmarktes. Der Mann, der in der Bude steht, winkt mich mit roten Wangen näher und schenkt mir ein strahlendes Lächeln, als ich seiner Aufforderung folge.

Ich lächle zurück und betrachte die glänzenden Lebkuchen, als er mich anspricht: „Grüß Gott! Thomas ist der werte Name, bin Lebzelter von Beruf. Mich gibt’s schon seit dem Jahr 1600 auf dem Wiener Christkindlmarkt und ich kann Ihnen sagen, da hab ich in den 400 Jahren schon so einiges miterlebt. Ich bin quasi eine genauso altehrwürdige Institution wie der Christkindlmarkt selbst und kenn mich aus. Wenn Sie wollen, erzähle ich Ihnen ein wenig über seine bewegte Geschichte – dauert auch gar nicht lang und bei mir am Standl ist es doch viel wärmer, gell?"

All das sagt er mit einem offenen Lächeln im Gesicht und man merkt, dass er es völlig ernst meint. Ich kann ihn nur mit offenem Mund anstarren. Er ignoriert meine Miene, reicht mir aufmunternd ein Stück Lebkuchen und beginnt wieder zu reden: „Also, die Meinungen spalten sich ja, seit wann es den Christkindlmarkt jetzt genau gibt. Darf man einen Wintermarkt von 1382 als den christkindlmärktlichen Urahn bezeichnen? In diesem Jahr hat nämlich Herzog Albrecht III. die Marktzeit verlängert und verändert, das weiß ich von meinem lieben alten Mutterl. Und deswegen gab es nun 14 Tage vor und 14 Tage nach St. Kathrein, dem 25. November, einen feinen Markt. Der war zwar nicht weihnachtlich – ich weiß zumindest nichts von festlichen Angeboten –, aber auf jeden Fall winterlich und kalt. Beste Voraussetzungen, um einmal ein großer Weihnachtsmarkt zu werden, meiner Meinung nach!" Thomas gluckst und ich denke mir, dass es sich bei dieser Show wohl um einen guten PR-Gag handeln muss. Also koste ich einfach zögerlich den Lebkuchen, während Thomas einen Schluck aus einem abgegriffenen Häferl macht und weitererzählt:

„Ein wenig offizieller wird es mit dem Umzug auf den Graben 1600. Auf diesem ‚Thomasmarkt' verkauften Zuckerbäcker und Lebzelter wie ich ihre Waren. Thomasmarkt, werden Sie sich jetzt denken, ist der wohl …? – Ja, sage ich, er ist nach mir benannt! Ich war schließlich einer der ersten und besten Lebzelter vor Ort! War bei allen beliebt, vor allem bei den Kindern! Andere denken, der Name kommt vom Apostel Thomas, der am 21. Dezember seinen Festtag hat. Verflixt noch einmal, nie bekommen ehrliche Lebzelter ihre Anerkennung!" Ich nicke mitfühlend und muss ein Grinsen zurückhalten – als ob ein Markt nach einem Lebzelter benannt werden würde! Auch wenn seine Lebkuchen tatsächlich ausgesprochen köstlich sind.

Übersiedlung

„1772 zog mein Markt dann auf die Freyung um und – endlich! Er wird als Nikolo- und Weihnachtsmarkt bezeichnet, ist jetzt ein richtig weihnachtlicher Markt! Als Nikolomarkt wurde er übrigens deshalb bezeichnet, weil damals noch der Rauschebart für die Geschenke zuständig war – das Christkind übernahm das erst ein wenig später. Mein Angebot hat sich aber nicht geändert, auch auf der Freyung nicht, Süßes geht eben immer am besten." Er klopft stolz neben seine Lebkuchen auf die Tischplatte. „Das haben die anderen Standler, die auf dem regulären Markt waren, natürlich nicht gern gesehen, da kam es öfter einmal zu Handgreiflichkeiten zwischen den beiden Parteien. Eine Schnapsidee, einen Weihnachtsmarkt und einen normalen Jahrmarkt zeitgleich zu veranstalten! Als es gar zu bunt wurde, mussten wir Weihnachtsmarktleute den Hut nehmen und auf den Platz Am Hof übersiedeln. – Gesundheit!", fügt Thomas hinzu, als ich zweimal niese und mich hastig bedanke. Thomas nimmt wieder einen Schluck aus seiner Tasse.

„1842 war ich dann also Am Hof und ich sag Ihnen, da war etwas los: Um mich herum wurde gehandelt mit Rauschgoldengerln, versilberten Nüssen, Lametta, Kerzen, Textilien und so weiter und so fort. Vor allem aber – und das ist wichtig, hören Sie zu – wurde auf dem Weg von der Freyung zum Platz am Hof eine Namensänderung vorgenommen: Zum allerersten Mal wurden die über hundert Standln als ‚Christkindlmarkt' bezeichnet! Wer also ganz penibel ist, hat heute am Rathausplatz einen 170 Jahre jungen Markt stehen." Thomas grinst, als wäre diese Vorstellung der größte Unsinn, den er je gehört hat. Dann wird seine Miene ein wenig ernster:

 

Elektrisches Licht

„1872 war ich dann auch sehr froh, dass ich auf dem Christkindlmarkt meine Arbeit hatte, denn in dem Jahr war es aus mit den Jahrmärkten in Wien – nur mein Markt durfte bleiben. Der Grund dafür war, dass Jahrmärkte in der modernen Großstadt obsolet geworden sind – meinte die Stadt Wien. Na ja, was soll man sagen … Als Christkindlmarkt-Standler durfte ich 1903 sogar miterleben, wie zum ersten Mal elektrisches Licht zur Beleuchtung der Standln benutzt wurde. Das war ein ganz besonderes Gefühl, seine Waren in dem Kunstlicht zu sehen – der Fortschritt hielt auch am Christkindlmarkt Einzug!"

Der alte Mann deutet auf die altmodische Beleuchtung und auch ich beginne dieses besondere Gefühl in der Magengrube zu verspüren. Ist das wirklich ein PR-Gag? Oder ist Thomas doch … ein Standler aus dem 17. Jahrhundert? Wieso kommen denn keine anderen Leute zu uns herüber, wir sind doch gut zu sehen, auch in dem Schneegestöber? 

„Ein paar Jahre konnten wir alle noch die Ruhe genießen, aber ab 1923 ging der Christkindlmarkt ruhelos auf Herbergssuche – was ja auch sehr symbolisch für die Weihnachtszeit ist. So fand man meine Lebkuchen einmal am Stephansplatz, Neubaugürtel oder vor dem Messepalast. 1963 versuchte man es mit der Kalvarienberggasse, was sich als ordentlicher Schas herausstellte – das lag aber an den Standlern, die ganz normale Sachen wie Nudelsiebe, Schleifsteine und Suppentöpfe angeboten haben! Das gefiel den Wienern natürlich wenig und der Andrang war dementsprechend bescheiden … Die ewige Wanderschaft begann vielen auf die Nerven zu gehen, aber es konnte sich einfach kein dauerhaftes Quartier finden lassen. 

Endlich am Rathausplatz

 

 

Obwohl der Rathausplatz schon 1963 in Erwägung gezogen worden war, ergab es sich noch eine ganze Weile lang nicht, es dort zu versuchen." Er zog raschelnd ein vergilbtes Zeitungsstück hervor und zeigte es mir: „Sogar die Zeitung ‚Stadt Wien' war 1972 der Meinung, dass der Christkindlmarkt vor ‚der Silhouette des neugotischen Prachtbaus […] endlich eine würdige und bleibende Stätte finden' könnte – der Autor, Herr Kaut, muss sich einen Haxen ausgefreut haben, als der Christkindlmarkt 1975 wirklich am Rathausplatz ankam. Genau wie ich, denn da wir hier endlich bleiben konnten, wurde das Ambiente auch immer schöner und festlicher! Die Buden wurden großzügig mit den Waren behangen, damit man auch alles sehen konnte und vor allem schon von weitem. Oder eben als kleines Kind. Besonders die Spielzeughändler haben ihre Vordächer gerne benutzt, damit die Kleinen alles möglichst gut betrachten können. Das rief 1978 das Marktamt auf den Plan. Es gab schließlich Vorschriften gegen solche Behänge auf den Hütten. Sie verhängten kurz und knapp eine ‚Luftsteuer'. Wer etwas aufs Vordach hängen wollte, musste zahlen. Die Standler waren fassungslos und protestierten, indem sie einfach ihre Standln geschlossen hielten! Und zwar genau an dem Tag, als ein Fernsehteam angekündigt war. Dieser Protest zeigte g‘schwind Erfolg: Die Luftsteuer wurde zurückgenommen, man durfte seine Sachen hängen lassen. Auch kleine Siege gehören gefeiert." Thomas hält mir noch einen Artikel hin, in dem von der Luftsteuer die Rede ist. Ich überfliege ihn kurz und muss schmunzeln – heute sind solche Behänge schließlich gang und gäbe.

„Nicht nur das Angebot, auch das Programm wurde immer vielfältiger. Besonders seit 2007 tut sich so einiges. Da hat nämlich dieser Verein, der mit dem langen Namen …", Thomas grübelt kurz. „Ah ja, Verein zur Förderung des Marktgewerbes! Dieser Verein hat dann die Organisation vom Christkindlmarkt übernommen. Das Beste ist ja: Der Obmann von denen ist ein gebürtiger Türke! Und der setzt sich jedes Jahr mit Feuereifer dran, dass alles noch schöner und festlicher wird – ich find' das großartig! Die Veränderungen müssen natürlich langsam vonstatten gehen, die Wiener Leut' sind ja Gewohnheitsviecher. Aber mittlerweile gibt es so tolle, weihnachtliche Sachen, vor allem für die Kinder! Zum Beispiel die Himmelsbühne, wo das Christkind vorliest. Die passt sowieso viel besser unter den Christbaum als die Krippe. Verstehen sie mich nicht falsch, ich liebe die Krippe. Aber unter dem Baum war es eh viel zu laut und hektisch – wie soll man die da andächtig betrachten können oder die Weihnachtsgeschichte erzählen? Na, na, dort wo sie jetzt steht, steht sie besser und vor allem ruhiger."

Kein Rummelplatz

„Da haben Sie recht …" Ich sage zum ersten Mal etwas und füge nachdenklich hinzu: „Es ist schon gut, wie sie versuchen, dass der Christkindlmarkt nicht zum Rummelplatz wird." Thomas nickt lebhaft. „Eben! Wissen Sie, ich finde ja vor allem die neuen Lichter so schön! Die werden auch fast am liebsten von den Touristen fotografiert", er zwinkert. Ich zwinkere zurück und überlege, was ich jetzt am besten mache: Mich für die Performance und den Lebkuchen bedanken? Oder sollte ich den Zauber, den diese Hütte umgab, lieber nicht mit so etwas Schnödem wie einem PR-Gag vergleichen? Ich schaue ein wenig verlegen zu Boden und beschließe, mich nur für die Süßigkeit zu bedanken. Als ich das tue, macht Thomas eine wegwerfende Handbewegung und meint nur, dass ich bei meinem nächsten Besuch wieder bei ihm vorbeikommen soll, was ich ihm gern verspreche.

Dann winke ich zum Abschied und mache mich durch den Schnee auf den Weg zur U-Bahn.

© Christine Schäffer